Trataka-Meditation: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung
Miha Cacic · 8. April 2026 · 9 Min. Lesezeit
Trataka ist eine Blickmeditation, bei der du auf einen festen Punkt starrst (meist eine Kerzenflamme), ohne zu blinzeln, dann die Augen schließt und das Nachbild im Geist festhältst. Die Technik ist einfach. Die Herausforderung liegt darin zu wissen, was in jeder Phase passieren soll – besonders wenn die Augen geschlossen sind. Diese Anleitung deckt die gesamte Praxis ab, einschließlich dessen, was du tatsächlich erleben wirst, damit du beurteilen kannst, ob du auf dem richtigen Weg bist.
Was trataka ist (und was nicht)
Trataka bedeutet „blicken” auf Sanskrit. Die Hatha Yoga Pradipika, ein Yogatext aus dem 15. Jahrhundert, definiert es schlicht: „Ruhig sitzend soll man beständig auf einen kleinen Punkt starren, bis die Augen sich mit Tränen füllen. Dies wird von den Lehrern Trataka genannt” (Vers 2:31).
Doch diese Definition umfasst zwei verschiedene Praktiken, und die meisten Anleitungen werfen sie zusammen.
Trataka als Reinigungstechnik (Kriya). In der Hatha-Yoga-Tradition ist trataka eine der sechs shatkarmas, Reinigungspraktiken für den Körper. Das Ziel ist hier, den Blick zu halten, bis die Tränen frei fließen. Die Tränen spülen die Augen und Tränenkanäle. Du blickst, du tränst, fertig. Die Hatha Yoga Pradipika sagt, trataka „zerstört Augenkrankheiten und beseitigt Trägheit” (Vers 2:32).
Trataka als Meditation. Der Blickteil ist nur die Vorbereitung. Die eigentliche Praxis beginnt nach dem Schließen der Augen: das Nachbild halten, die Aufmerksamkeit darauf stabilisieren und schließlich von diesem konkreten inneren Bild in tiefere Konzentration übergehen. Das ist der Weg von dharana (fokussierte Konzentration) hin zu dhyana (Meditation).
Der traditionelle Rahmen unterteilt die Praxis in zwei Stufen. Bahiranga (äußeres) trataka ist das Blicken mit offenen Augen. Antaranga (inneres) trataka ist die Phase mit geschlossenen Augen, in der du mit dem Nachbild arbeitest. In der inneren Phase findet die Meditation statt, doch die meisten Anleitungen verwenden fast alle Worte auf bahiranga und widmen antaranga nur ein oder zwei Sätze.
Dieser Artikel behandelt trataka als Meditation. Wenn du es zur Augenreinigung praktizierst, gelten die Blick-Anweisungen weiterhin, aber die später beschriebene Nachbild-Arbeit ist der Teil, der Meditation von einer shatkarma unterscheidet.
Wie du dich für trataka vorbereitest
Worauf du blickst
Eine Kerzenflamme ist das beste Ausgangsobjekt für Anfänger. Sie erzeugt ein starkes Nachbild (wichtig für die Phase mit geschlossenen Augen), zieht den Blick natürlich an und erfordert einen dunklen Raum, was visuelle Ablenkungen eliminiert. Andere Optionen gibt es: einen schwarzen Punkt auf weißem Papier, ein geometrisches Yantra oder ein kleines Bild. Diese funktionieren, wenn du keine Flamme verwenden kannst (mehr dazu im Abschnitt über Kontraindikationen), aber sie erzeugen schwächere Nachbilder und erfordern mehr Übung.
Die Kerze
Verwende eine schlichte, unparfümierte Stabkerze mit Baumwolldocht. Vermeide Teelichter (zu niedrig, zu schwach) und Duftkerzen (Ruß und ablenkender Geruch). Kürze den Docht auf etwa 1 cm für eine stabile, ruhige Flamme. Wenn der Docht gebogen ist, richte seine Spitze zu dir, damit der hellste Punkt der Flamme in deiner direkten Blickrichtung liegt.
Abstand und Höhe
Platziere die Kerze auf Armlänge, etwa 50 bis 75 cm von deinen Augen entfernt. Näher erzeugt ein intensiveres Nachbild, aber auch mehr Augenbelastung. Weiter weg ist sanfter, kann aber ein schwächeres Nachbild geben. Das Prinzip: nah genug, dass die Flamme dein zentrales Sichtfeld ausfüllt, weit genug, dass dein Blick entspannt bleibt. 
Die Flamme sollte auf Augenhöhe oder leicht darunter sein. Falls du die Kerze erhöhen musst, stapele ein paar Bücher darunter. Minutenlang nach oben auf eine Flamme zu blicken belastet den Nacken und verändert die Qualität des Blicks.
Der Raum
Dunkel oder sehr schwach beleuchtet, ohne Zugluft. Eine flackernde Flamme verfehlt den Zweck: deine Augen jagen der Bewegung hinterher, anstatt in einen ruhigen Blick zu sinken. Schließe Fenster, schalte Ventilatoren aus, fahre Bildschirme herunter. Je dunkler der Raum, desto stärker das Nachbild beim Schließen der Augen.
Sitzhaltung
Jede stabile Sitzposition mit aufrechter Wirbelsäule funktioniert: im Schneidersitz auf dem Boden, auf einem Meditationskissen, auf einem Stuhl. Die Hauptanforderung ist, dass du die gesamte Sitzung stillsitzen kannst, ohne zu zappeln. Wenn du unbequem sitzt, wirst du an deine Knie denken statt an die Flamme.
Am Schreibtisch? Ja. Sitz aufrecht, platziere die Kerze auf Augenhöhe (auf einem Bücherstapel, falls nötig). Die Haupteinschränkung ist, dass Büroumgebungen oft Zugluft und Umgebungslicht haben – minimiere beides.
Im Liegen? Nicht empfehlenswert. Die Flamme kann nicht auf Augenhöhe sein, wenn du horizontal liegst, und die liegende Position fördert Schläfrigkeit – das Gegenteil dessen, was trataka kultiviert. Falls du nicht aufrecht sitzen kannst, verwende einen zurückgelehnten Stuhl und passe die Kerze an deine Blicklinie an.
Brille und Kontaktlinsen
Entferne Kontaktlinsen vor dem Beginn. Der verlängerte Blick ohne Blinzeln trocknet sie aus und verursacht Unbehagen, was die Praxis zunichtemacht. Brillen sind Ermessenssache. Wenn du ohne sie nur einen verschwommenen Fleck siehst, wo die Flamme sein sollte, behalte sie auf. Wenn deine Sehkraft nur leicht eingeschränkt ist und du den hellen Kern der Flamme noch erkennen kannst, versuche es ohne. Ein weicherer Fokuspunkt kann manchen Übenden helfen, ihren Blick zu entspannen.
Wann üben
Jederzeit, wenn du wach bist und deine letzte Mahlzeit verdaut hast. Die traditionelle Empfehlung ist früher Morgen (4 bis 6 Uhr) oder vor dem Schlafengehen. Üben vor dem Schlafen funktioniert besonders gut: In einer kleinen Studie mit 29 Teilnehmenden über 10 Tage fanden Tubbs et al. (2020) heraus, dass tägliche Trataka-Sitzungen die Schwere der Schlaflosigkeit reduzierten, wobei die Werte des Insomnia Severity Index von klinisch moderater Insomnie auf subklinische Werte sanken. Vermeide das Üben, wenn du bereits schläfrig bist. Trataka kultiviert fokussierte Wachheit, keine Entspannung in den Schlaf.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Trataka-Praxis
1. Ankommen (2 bis 3 Minuten)
Setz dich hin, schließe die Augen und lass deinen Körper ankommen. Spüre die Kontaktpunkte: Sitzknochen auf dem Kissen, Hände auf den Knien oder Oberschenkeln, Füße auf dem Boden. Lass deinen Atem von selbst langsamer werden. Überspringe das nicht. Wenn du direkt vom Handycheck zum Kerzenstarren springst, bringst du diese zerstreute Energie in die Praxis mit und wunderst dich, warum sie sich leer anfühlt.
2. Augen öffnen und blicken (3 bis 5 Minuten für Anfänger)
Richte deinen Blick auf einen bestimmten Punkt: den hellsten Teil der Flamme oder die glühende Dochtspitze. Halte deinen Blick ruhig und sanft. Das ist kein harter, erzwungener Starr-Blick – stell dir vor, du lässt deine Augen auf der Flamme ruhen. Öffne deine Augenlider etwas weiter als gewöhnlich. Versuche nicht zu blinzeln, aber verkrampfe nicht das Gesicht und strenge dich nicht an.
Wenn du blinzeln musst, blinzle. Und mach weiter. Die Fähigkeit, einen Blick ohne Blinzeln zu halten, verlängert sich mit der Übung ganz natürlich.
3. Was du beim Blicken erleben wirst
Deine Augen werden tränen. Das ist normal und erwartbar, kein Zeichen für etwas Falsches. Die Flamme scheint möglicherweise ihre Farbe zu ändern oder einen Halo oder eine Aura zu entwickeln. Dein peripheres Sehen kann sich verdunkeln oder ganz verschwinden. Das sind vorhersagbare Effekte anhaltender Fixierung: Deine Photorezeptoren passen sich an, und Troxlers Verblassen lässt statische periphere Bilder aus der Wahrnehmung verschwinden (Martinez-Conde et al., 2006).
Gedanken werden auftauchen. Das ist in Ordnung. Du musst sie nicht stoppen. Lass sie vorbeiziehen und bringe deine Aufmerksamkeit jedes Mal zur Flamme zurück, wenn du merkst, dass sie abgedriftet ist. Dieses Zurückkehren ist die Praxis.
4. Augen schließen
Wenn deine Augen stark tränen oder sich angestrengt anfühlen, schließe sie sanft. Drücke sie nicht zusammen. Dies ist der Übergang vom äußeren zum inneren trataka, und hier beginnt die eigentliche Meditation.
5. Das Nachbild: Was dich erwartet
Unmittelbar nach dem Schließen der Augen wirst du eine helle Form sehen (oft ein Punkt oder Oval) vor der Dunkelheit, meist in der Komplementärfarbe der Flamme: blau, violett oder cyan statt orange. Das ist ein normaler Netzhaut-Nacheffekt, keine Halluzination. Die von der Flamme stimulierten Photorezeptorzellen sind vorübergehend ermüdet, sodass dein visuelles System dieses Ungleichgewicht beim Schließen der Augen als Bild in der Gegenfarbe liest. (Der vollständige Mechanismus wird im Nachbild-Abschnitt weiter unten erklärt.)
Das Nachbild wird vermutlich schweben, driften oder pulsieren. Das passiert, weil sich deine Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegen. Das Nachbild ist auf bestimmten Netzhautzellen „eingeprägt”, sodass es sich mitbewegt, wenn deine Augen rotieren.
Versuche, das Bild am Augenbrauenzentrum zu halten (dem Raum zwischen deinen Brauen). Jage ihm nicht hinterher. Fixiere stattdessen deinen inneren Blick und lass das Bild dorthin gleiten. Diese Stabilisierung ist selbst die Konzentrationsübung. Du trainierst deine Aufmerksamkeit, bei einem einzigen Objekt zu bleiben.
Das Nachbild wird verblassen. Manchmal in Sekunden, manchmal über eine Minute oder länger, je nachdem wie lange du geblickt hast und wie dunkel der Raum ist. Es kann beim Verblassen verschiedene Farben durchlaufen (blau zu grün, grün zu gold). Das ist normale Photorezeptor-Adaptation, kein spirituelles Ereignis, obwohl die yogische Tradition diese Farbverschiebungen mit Praxisstufen verbindet.
Wenn das Nachbild vollständig verschwunden ist, sitze mit dem, was übrig bleibt: Restempfindung, Dunkelheit, Stille. Öffne nicht sofort die Augen.
6. Wenn das Nachbild verschwunden ist
Du hast zwei Möglichkeiten. Du kannst die Augen öffnen und den Blickzyklus wiederholen (empfohlen für Anfänger, die typischerweise 2 bis 4 Zyklen pro Sitzung machen). Oder du bleibst mit geschlossenen Augen und hältst die Erinnerung an das Bild, auch wenn das retinale Nachbild weg ist. Diese zweite Option ist der Beginn echter Visualisierungspraxis – der Wechsel von der Arbeit mit einem Netzhauteindruck zur Arbeit mit einem mentalen Bild. Das entwickelt sich über Wochen und Monate, nicht in der ersten Sitzung.
7. Abschluss der Praxis
Reibe deine Handflächen aneinander, bis sie warm sind. Lege sie sanft gewölbt über deine geschlossenen Augen, ohne auf die Augäpfel zu drücken. Halte 10 bis 15 Sekunden. Dieses Palmieren lässt deine Augen in vollständiger Dunkelheit ruhen, bevor sie wieder mit Umgebungslicht in Kontakt kommen.
Öffne die Augen langsam. Die Bihar School of Yoga-Tradition empfiehlt, die Augen nach der Praxis mit kühlem Wasser zu benetzen: Schöpfe zimmerwarmes Wasser in deine Handfläche und blinzle mit dem offenen Auge hinein, ein Auge nach dem anderen. Das ist optional, aber wohltuend, besonders wenn sich deine Augen trocken anfühlen.
Was das Nachbild ist (und warum es wichtig ist)
Die Wissenschaft

Wenn du auf eine Kerzenflamme starrst, stimuliert das konzentrierte Licht bestimmte Photorezeptoren in deiner Netzhaut stark (hauptsächlich L-Zapfen und M-Zapfen, die auf die warmen orange-gelben Wellenlängen reagieren). Diese Zellen feuern kontinuierlich. Ihre Photopigmente – Moleküle von 11-cis-Retinal – durchlaufen eine Konformationsänderung namens Bleichen. Die Zellen werden vorübergehend weniger empfindlich.
Wenn du die Augen schließt, gibt es kein externes Licht, aber diese gebleichten Rezeptoren senden nun schwächere Signale als die umgebenden Zellen. Dein visuelles System liest diese Differenz als Bild in der Komplementärfarbe des ursprünglichen Reizes. Bei einer orangefarbenen Flamme ist das blau oder violett.
Während die Photopigmente sich regenerieren (über Sekunden bis Minuten), lässt das Signalungleichgewicht nach. Das Nachbild verschwindet. Das ist gut verstandene Netzhautphysiologie, keine Mystik.
Warum das für Meditation wichtig ist
Die meisten Meditationstechniken bitten dich, dich auf etwas Subtiles zu konzentrieren: den Atem an der Nase, ein Mantra, eine Körperempfindung. Diese Objekte verliert man leicht. Der Geist wandert, du vergisst, dass du meditiert hast, und Minuten vergehen, bevor du es bemerkst.
Das Trataka-Nachbild ist lebhaft. Es ist da, unübersehbar, solange es anhält. Es gibt deinem Geist ein konkretes inneres Objekt zum Festhalten. Und die Herausforderung, ein driftendes Nachbild zu stabilisieren, ist eine direkte, körperlich spürbare Form des Konzentrationstrainings. Du kannst in Echtzeit fühlen, ob es dir gelingt oder nicht.
Deshalb wird trataka traditionell als Brücke zwischen den körperorientierten Yogapraktiken (asana, pranayama) und den geistorientierten Praktiken (dharana, dhyana) beschrieben. Du beginnst mit etwas Physischem (der Kerze) und gehst zu etwas Mentalem über (dem inneren Bild). Ein systematischer Review von 2025 schlug eine neurophysiologische Erklärung vor: Fokussiertes Blicken stärkt Top-down-Aufmerksamkeitsnetzwerke und thalamische Filterung, während es das gewohnheitsmäßige Gedankenwandern des Gehirns reduziert.
Es wirkt hier auch ein breiteres Prinzip. Das Sehen ist unser dominanter Sinn: Etwa die Hälfte des Gehirns ist direkt oder indirekt an der visuellen Verarbeitung beteiligt (Sur, 1996). Marcel Kinsbournes Forschung zeigte, dass die Blickrichtung mit hemisphärischer Gehirnaktivierung korreliert: Ein Blick nach rechts aktiviert die linke Hemisphäre, ein Blick nach links die rechte (Kinsbourne, 1972). Die Schlussfolgerung, vorgeschlagen vom Meditationslehrer Giovanni Dienstmann, ist, dass ein perfekt zentrierter, stiller Blick eine ausgeglichenere Gehirnaktivität erzeugen könnte. Das ist eine plausible Interpretation, kein bewiesener Befund, aber sie hilft zu erklären, warum das Stillen der Augen den Geist zu stillen scheint.
Was tun, wenn du das Nachbild nicht siehst
Das ist bei Anfängern häufig. Mögliche Ursachen: Raum zu hell, Blickdauer zu kurz, zu viel Spannung in den Augen oder im Geist. Versuche nicht, eine Visualisierung herzustellen. Sitze mit dem, was du siehst, selbst wenn es nur Dunkelheit ist. Das Nachbild wird mit der Übung klarer und hält länger an.
Was tun, wenn es sich bewegt
Deine Augen bewegen sich hinter den geschlossenen Lidern. Jage dem Bild nicht hinterher. Fixiere deinen inneren Blick auf das Augenbrauenzentrum und lass das Bild dorthin driften. Die Stabilisierung selbst ist die Konzentrationsübung.
Was tun, wenn es verblasst
Keine Panik. Sitze mit der Restempfindung. Nach Wochen der Praxis wirst du feststellen, dass du das Bild länger halten kannst und es schließlich über den Punkt hinaus bewahrst, an dem der Netzhauteindruck verblasst ist. Dieser Übergang – vom retinalen Nachbild zur echten mentalen Visualisierung – ist die Entwicklung von bahiranga zu antaranga trataka.
Wie lange und wie oft üben
Die Empfehlungen in verschiedenen Quellen variieren stark, von 2 Minuten bis 40 Minuten. Hier ein Orientierungsrahmen.
Anfänger: Beginne mit 5 bis 10 Minuten insgesamt, einschließlich der Ankommensphase. Die Blickphase kann 1 bis 3 Minuten pro Runde dauern. Mache 2 bis 3 Runden. Übertreib es nicht. Deine Augen brauchen Zeit, sich an das anhaltende Blicken zu gewöhnen, und dein Geist braucht Zeit zu lernen, was er mit dem Nachbild anfangen soll.
Fortgeschrittene: 15 bis 20 Minuten insgesamt. Die Blickphase verlängert sich natürlich auf 3 bis 5 Minuten, wenn sich deine Augen anpassen und die Tränen weniger schnell kommen.
Maximaldauer für kontinuierliches Kerzenblicken: Mehrere erfahrene Lehrer empfehlen, nicht länger als 10 Minuten ununterbrochen in einer einzelnen Runde auf eine Flamme zu blicken. Längere Exposition ermüdet die Netzhautzellen, und es gibt keinen Grund, über den Punkt von starkem Tränen und Anstrengung hinauszugehen.
Häufigkeit: Tägliche Praxis zeigt die klarsten Ergebnisse in der verfügbaren Forschung. Eine Studie von Raghavendra und Singh aus 2014 fand, dass 26 Tage täglicher Sitzungen signifikante Verbesserungen bei Arbeitsgedächtnis, selektiver Aufmerksamkeit und exekutiver Funktion bei älteren Teilnehmenden bewirkten, wobei die Sitzungen neben trataka auch vorbereitende Augenübungen, Chanting und Entspannung enthielten, sodass die Verbesserungen nicht allein dem Blicken zugeschrieben werden können. Eine kleinere Studie mit 30 Jugendlichen fand Verbesserungen bei selektiver Aufmerksamkeit, kognitiver Flexibilität und reduzierter Angst (Ramanathan et al., 2020). Keine der beiden Studien verglich verschiedene Übungsfrequenzen, aber das Muster in der Meditationsforschung spricht generell für Regelmäßigkeit statt Dauer.
Die Zwei-Monats-Pause-Regel. Einige erfahrene Yogalehrer empfehlen, alle zwei Monate täglicher Praxis eine 1- bis 2-wöchige Pause von kerzenbasiertem trataka einzulegen oder während der Pause auf ein flammenfreies Objekt umzusteigen (einen schwarzen Punkt oder ein Yantra). Die Sorge ist, dass anhaltendes tägliches Kerzenblicken kumulative Netzhautermüdung verursachen könnte. Diese Vorsichtsmaßnahme stammt aus mündlichen Lehrtraditionen, nicht aus klassischen Texten oder veröffentlichter Forschung. Sie ist vernünftig und kostet nichts, sie zu befolgen.
Beste Tageszeit: Früher Morgen oder Abend. Vor dem Schlafengehen funktioniert gut, wie oben erwähnt. Nach dem Essen ist in Ordnung, solange du nicht schläfrig bist.
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Angestrengt versuchen, nicht zu blinzeln. Der Blick sollte ruhig, aber entspannt sein. Wenn du deine Gesichtsmuskeln verkrampfst, arbeitest du zu hart. Blinzeln, wenn es nötig ist, ist kein Versagen. Die Dauer ohne Blinzeln verlängert sich natürlich mit der Übung.
Auf den falschen Teil der Flamme blicken. Wähle einen bestimmten Punkt: die Dochtspitze oder den hellsten Kern der Flamme. Halte deine Augen dort. Wenn dein Blick über die Flamme wandert, machst du kein trataka – du schaust einer Kerze zu.
Die Phase mit geschlossenen Augen überhastet durchlaufen. Das ist der häufigste Fehler. Die Nachbild-Phase ist die Meditation. Behandle sie nicht als kurze Pause zwischen den Blickrunden. Sitze damit. Lass es verblassen. Bleibe in der Dunkelheit, nachdem es verschwunden ist. Gib der inneren Phase mindestens so viel Zeit wie der Blickphase.
Flackernde Flamme. Wenn die Flamme tanzt, gibt es Zugluft. Beseitige das Umgebungsproblem, bevor du versuchst zu üben. Eine sich bewegende Flamme macht ruhiges Blicken unmöglich und erzeugt ein unsauberes Nachbild.
Falsche Kerze. Teelichter stehen zu niedrig, brennen zu schwach und flackern in ihrem eigenen Wachspool. Duftkerzen erzeugen Ruß und ablenkende Gerüche. Verwende eine schlichte Stabkerze.
Üben mit Kontaktlinsen. Sie trocknen aus, verursachen Unbehagen und lenken ab. Entferne sie vor dem Start.
Zu viel üben. Mehr ist nicht besser, besonders als Anfänger. Mache keine 30-minütigen Kerzen-Blicksitzungen in deiner ersten Woche. Steigere dich schrittweise. Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt trataka als etwas, das man „wie eine Goldkiste” geheim halten soll (Vers 2:32). Behandle deine Praxis mit entsprechender Sorgfalt.
Wer kein trataka machen sollte
Die Sicherheitsbedenken bei dieser Praxis sind real, teilweise weil Forenratschläge zwischen „völlig harmlos” und „du schadest deinen Augen ohne Guru” schwanken. Keines der beiden Extreme ist zutreffend. Hier sind die tatsächlichen Kontraindikationen.
Glaukom. Eine randomisierte kontrollierte Studie von 2022 fand, dass trataka-basierte Augenübungen nur eine geringe, klinisch unbedeutende Senkung des Augeninnendrucks bewirkten (Sankalp & Dada, 2022). Die Forscher stellten ausdrücklich fest, dass die Übungen „nicht zur Behandlung von erhöhtem Augeninnendruck bei Glaukompatienten empfohlen werden können.” Wenn du ein Glaukom hast, konsultiere deinen Augenarzt vor dem Üben.
Grauer Star oder schwere Kurzsichtigkeit. Der anhaltende Blick ohne Blinzeln und der helle Fokuspunkt sind möglicherweise nicht für beeinträchtigte Augen geeignet. Eine Studie fand, dass trataka moderate Verbesserungen der Sehschärfe bewirkte, vergleichbar mit konventionellen Augenübungen bei leichten Brechungsfehlern (Nimaje et al., 2013), aber die Evidenz rechtfertigt nicht, ernsthafte Augenerkrankungen mit Blickpraxis zu behandeln. Hole dir zuerst eine ärztliche Freigabe.
Epilepsie. Eine flackernde Flamme kann bei photosensiblen Personen Anfälle auslösen. Wenn du Epilepsie hast und trataka ausprobieren möchtest, verwende einen schwarzen Punkt auf weißem Papier statt einer Kerze und konsultiere deinen Neurologen.
Akute Augeninfektionen oder Entzündungen. Warte, bis sie abgeklungen sind. Durch irritierte, infizierte Augen zu blicken wird die Sache verschlimmern.
Psychose oder Schizophrenie. Intensive Konzentrationspraktiken können für Menschen mit diesen Erkrankungen destabilisierend sein. Dies ist eine Kontraindikation, die in klassischen Yogatexten und von modernen Lehrern genannt wird. Das ist keine Panikmache.
Kinder unter 12. Ihre Augen entwickeln sich noch. Sanfte, kurze Versionen können in Ordnung sein, aber sei auf der sicheren Seite und halte die Sitzungen kurz.
Für alle anderen: Trataka ist sicher, wenn es mit gesundem Menschenverstand praktiziert wird. Starre nicht über echtes Unbehagen hinaus. Überspringe keine Pausen. Verwende keine helle externe Lichtquelle wie die Sonne (das ist eine andere, fortgeschrittene Praxis, die fachkundige Anleitung erfordert). Wenn deine Augen am nächsten Tag schmerzen, hast du zu lange oder zu intensiv geübt. Nimm etwas zurück.
Quellen
- Raghavendra BR, Singh P. (2014). “Effect of trataka on cognitive functions in the elderly.” International Journal of Yoga, 7(2), 96–103. PMC4097909.
- Ramanathan M, Bhavanani AB, Trakroo M. (2020). “Effectiveness of yogic visual concentration (Trataka) on cognitive performance and anxiety among adolescents.” Journal of Complementary and Integrative Medicine, 18(2). PubMed: 32415824.
- Tubbs AS, Kennedy KER, Alfonso-Miller P, Worley SL, Grandner MA. (2020). “Effect of trataka (yogic gazing) on insomnia severity and quality of sleep in people with insomnia.” Explore. PubMed: 33036930.
- Nimaje GT, Tripathy TB, Deole YS. (2013). “A clinical study to evaluate the efficacy of Trataka Yoga Kriya and eye exercises in the management of Timira.” Ayu, 34(1), 81–86. PMC3665208.
- Sankalp, Dada R. (2022). “Effect of Tratak (Yogic Ocular Exercises) on Intraocular Pressure in Glaucoma: An RCT.” International Journal of Yoga, 15(1). PMC9015087.
- “Trataka and cognition: A systematic review with a proposed neurophysiological mechanism.” (2025). Journal of Neurosciences in Rural Practice. Link.
- Martinez-Conde S, Macknik SL, Troncoso XG, Hubel DH. (2006). “Microsaccades counteract visual fading during fixation.” Neuron, 49(2), 297–305. ScienceDirect.
- Kinsbourne M. (1972). “Eye and head turning indicates cerebral lateralization.” Science, 176(4034), 539–541. Link.
- Sur M. (1996). “Visual processing and the brain.” MIT News. Link.
- Swatmarama. (ca. 15. Jh.). Hatha Yoga Pradipika, übersetzt von Pancham Sinh (1914). Sacred Texts Archive.
- Gheranda Samhita (ca. 17. Jh.). Verse 1:53–54.
- Dr. Giridhar ‘Yogeshwar’. (1983). “Trataka or Yogic Gazing.” Yoga Magazine (Bihar School of Yoga). Link.
- Cambell D. (2021). “Trataka — Benefits of Candle Gazing Techniques.” SJPBS, 5(5). Lupine Publishers.